Filmgedanken von Mathias Allary

Samstag, 23 September 2017 18:26

Think Small

 

Liebe Hoteliers,



Ihr wisst schon, dass es mehr als frech ist, erwachsenen Menschen zu zweit ein Doppelzimmer mit 1,40 cm Matratzenbreite anzubieten, oder?

 

Okay, ja, Frischverliebte, die die Nacht über sowieso nicht schlafen wollen, mögen sowas vielleicht, aber was, wenn man absurderweise ein Hotelzimmer bucht, um darin zu schlafen? Ja ich weiß schon, im Mittelalter, als Gasthäuser erfunden wurden, waren die Betten auch nicht größer. Aber mit Verlaub, inzwischen hat sich doch so manches genetisch verändert. Die Körpergröße von Menschen beispielsweise.

 

Selbst wenn ihr es nicht so sehr mit Biologie habt,- dann betrachtet das Thema doch mal ganz pragmatisch. So wie ein namhafter deutscher Duschen,- und Armaturenhersteller, der im Showroom nicht nur Kunden zum Probeduschen einlädt sondern auch selbst immer wieder die eigenen Produkte testet. Nur wer seine Produkte auch wirklich kennt, weiß wovon er spricht. Legt euch einfach selbst mal eine Nacht in eure 1,40 m Doppelbettchen, natürlich nicht allein, sind ja Doppelzimmer, nehmt euren Prokuristen oder besser noch den Controller mit, bleibt eine ganze Nacht lang zu zweit darin liegen und versucht zu schlafen.

 

Und wenn ihr dann am nächsten Morgen völlig zerknautscht, übermüdet und geschreddert wieder aufsteht, dann nehm ihr mal ein Massband, messt eure Schulterbreite und vergleicht sie mit den rechnerischen 70 cm die jedem Gast je nach Ego zur Verfügung stehen. Särge sind breiter geschnitten. Wenn ihr danach noch ins Minibad geht, in dem man sich vor Enge kaum abtrocknen kann und euch beim Toilettengang den überstehenden Klopapierhalter in die Hüfte gerammt habt, dann stellt euch einfach mal vor den Badezimmerspiegel und sagt ganz langsam und deutlich den Text, den Eure Rezeptionisten den verzweifelten Gästen aufsagen sollen:


"Unsere Doppelzimmer haben alle 1,40 Queensize Boxspringbetten, in unserem Partnerhotel gibt es aber auch 1,60 breite Betten"

 
Am Besten sagt ihr es zu zweit auf, denn dieser Dödel von Controller hat ja bei der letzten Renovierung selber die 1,40 breiten Kinderdoppelbettchen, händereibend und vor Gewinnmaximierungsglück strahlend, bestellt. Und danach meldet euch am besten für den Rest des Tages krank, so übernächtigt kann man ja keinen klaren Gedanken mehr fassen, nicht einmal Queensize Gehirne können das.

 

Freitag, 09 Dezember 2016 20:39

Thank God its English

Nachts Baustelle


Gegen Ende des Jahres lässt sich einmal mehr feststellen, dass die englische Sprache nicht nur zur internationalen Verständigung ungemein praktisch, sondern auch mit vielen Zusatzfunktionen, die die eigentliche Wortbedeutung weit übertreffen, gesegnet ist.

 

Etwa, um dem Rest der Welt zu signalisieren, wie weltläufig bewandert und modern man man ist, dieser Tage massiv spürbar in den allüberall bemühten, möglichst "native speaking" betonten Ausspracheweisen des Herrn Sakkaböarrrg", (für weniger phonetisch begabte,- gemeint ist der Gründer und Chef der weltgrößten "Jeder ist ein Journalist, Dichter, Poet oder Fotograf"-Gehirnwaschplattform).

 

Früher von der denkenden Weltgemeinschaft geächtete Verhaltensweisen "sounden", wenn man plötzlich vom "Exploiten" spricht und auch den "Shareholder Value" nicht aus den Augen verliert, gleich viel harmloser. Dröge, noch aus den 50er Jahren stammende Resteverkaufsaktionen ala "Schlussverkauf" haben als "Sale" irgendwie internationales Flair.

 

Wie cool, dass man alte Dummheiten durch Anglizismen sogar wieder sexy waschen kann. Man denke nur an das altbekannte Verdummen durch stundenlanges vor der Glotze sitzen. Das waren doch handfeste Gefahren für Leib und Seele, die da von den Bildschirmen ausgingen. Das hat sich gründlich geändert, nicht dass die Qualität der Serien inzwischen besser geworden, oder der menschliche Körper samt Gehirn mehr an passive Tätigkeiten adaptiert wäre,- aber dumpfes Glotzen ist durch den Begriff "Binge-Watching" wieder hoffähig geworden. Oder all die Dinge, die es seit vielen Jahrzehnten immer schon gab und die als Anglizismen wieder ein frisches Leuchten in die ansonsten matten Augen vieler Wirtschaftsmenschen bringen.

 

Dank " Corporate Wording" werden selbst ausgelaugte Versicherungsvertreter plötzlich zu "Senior Assurance Consultants" und jene ungeliebten, oft herzlos mit Kündigungen ganze Existenzen ruinierenden Personaler zu Mitarbeitern im angesehenen "Human-Resources Department". Überhaupt hätten die früher als Tischrechner und Tabellenausfüller mit dem Nimbus der unkreativsten Berufsgruppe überhaupt verschrieenen Betriebswirte ohne "Flipcharts", "Design Thinking", "Key Account Manager", "Outsourcing" und andere interstellare Attraktivitätsaufblähungen, längst ziemlich "Itchy Feet". So aber können sie  gelassen von einem "Roll out" zum nächsten "gliden".

 

Wir müssen also dankbar sein, für dieses "Andocken" neuer Attribute an die in der eigenen Sprache längst enttarnten Begrifflichkeiten. "Oh my God", der wohl am häufigsten genutzte religiöse Ausspruch in gänzlich unchristlichen Körperflüssigkeits-Austauschfilmen im Internet gehört ebenso dazu, wie die Bärte, die man alten Männern, Almöhis oder ultraorthodoxen Religionsfanatikern jahrzehntelang zugesprochen hat. Dank "Hipstern" dürfen plötzlich selbst Zwanzigjährige mit langen Opabärten herumlaufen und sich cool fühlen. Der Fachbegriff stammt schrecklicherweise aus dem Französischen und ist ein "Hipster Stache", doch das ist noch mal eine ganz andere Geschichte...

 

Auch wenn Ihr diese Sprachverwässerung nicht "liked" und vielleicht sogar "hated" und über einen "Shitstorm" nachdenkt, "chillt out" denn die Amerikaner haben inzwischen ähnliche Probleme, wenn sie sich mit "Bauplan", "Berufsverbot", "Bratwurst", "Dummkopf", "Frass", "Geist", "kaputt", "Kindergarten", "Kitsch", "Lederhosen", "Poltergeist", "Rucksack", "Schadenfreude", "Zeitgeist", "Wunderbar" aber auch mit "Angst" herumschlagen müssen.

 

Shit happens.

Dienstag, 15 November 2016 08:58

Sales Force

Kaufpassage

Es ist schon beeindruckend, wie sehr die moderne digitale Welt auf unsere analogen, tief in der Kindheit gewachsenen und in zahllosen Kinofilmen und Verbrauchertippsendungen gefestigten Bilder zugreift, um uns Dinge zu verkaufen, die wir gar nicht brauchen.

 

Da wird etwa das Bild des Warenlagers bemüht, jene fensterlosen Hallen mit riesigen Regalen, in denen Waren liegen, die, wenn Neuware kommt, Platz machen müssen und im Ausverkauf verbilligt abgegeben werden, bevor sich eine dicke Staubschicht über den Verpackungen bildet.
Besonders gerne genutzt wird dieses Bild, wenn etwa Software oder Hörbücher, die im Download vertrieben werden, per „Lagerräumung" zum Sonderpreis abgegeben werden.

 

Diese armen Lageristen, die ihr „Hörbuchlager" räumen müssen. Ein schlimmer Gedanke, all diese hohen Regale mit gestapelten Kilo,- und Megabytes. Ich dachte immer, dass da lediglich eine Datei auf dem Server abgelegt ist und vielleicht noch eine weitere auf einem Mirror-Server, von denen dann beliebig viele Downloads kostenpflichtig gezogen werden können. Aber dass die ihre Dateien für jeden potenziellen Kunden einzeln als Kopie auf ihren Festplatten vorrätig halten, tausendfach und mehr, wirft natürlich ein ganz anderes Licht auf die Handelshäuser. Da muss man doch fast helfen, damit die ihre Lager leer kriegen, oder?

 

Wie mag es da erst jenen Unternehmen gehen, die noch echte Waren und nicht nur Datenfiles in ihren Lagern stapeln? Auch sie könnten kaum überleben ohne jene Angst, die wir verspüren, wenn „Angebote bald enden".
Nicht auszudenken, wenn wir zu spät zugreifen, es versäumen, den Moment verpassen. Diese schale, ja betrübliche Gefühl der Vergeblichkeit, was uns überkommt, wenn wir das um 15 % rabattierte akkubetriebene Shiatsu Massagekissen oder die sogar um 25% reduzierte doppelgenähte graue Filzhülle für die Schlagbohrmaschine nicht erringen konnten, ist niederschmetternd. Es gibt im Leben solche Momente, schmerzhaft und gar nicht leicht zu überwinden.

 

Eine minimale Chance zur Schmerzreduzierung bietet das kurzzeitige Wechseln auf eine andere Verkaufsplattform, manchmal, mit viel Glück, laufen die dortigen Angebote ja länger. Und tatsächlich,- da steht es das ersehnte Zauberwort: Deal! Die WC-Sitze mit Absenkautomatik sind nur noch heute um 50% reduziert. Das ist praktisch die Hälfte. Halber Preis quasi. Ich kriege die andere Hälfte g e s c h e n k t. Ach so, der passende Montageschlüssel kostet noch mal 14,95 € zusätzlich und ist nicht rabattiert, einen Moment lang läuft mir ein kalter Schauer über den Rücken. Für das akkubetriebene Shiatsu Massagekissen hätte ich keinen Montageschlüssel gebraucht. Das sind die Fakten.

 

Als Premium-Kunde hätte ich das Angebot 30 Minuten vor den anderen Kunden bestellen können, aber jetzt ist es zu spät. Hinterher Jammern bringt gar nichts. Hat es auch noch nie. Auch früher nicht bei den Schlussverkäufen in der Fußgängerzone. Vielleicht habe ich morgen mehr Glück. Sonst weiß ich möglicherweise gar nicht mehr weiter. Auch wegen der Gutscheine, ich hab ja noch Rabatt-Gutscheine, die in Kürze verfallen.

 

Was ? Homeshopping im Fernsehen gibt es auch noch? Ein Hoffnungsschimmer flutet zunächst zaghaft, dann immer nachdrücklicher den gerade eben noch grau verhangenen Raum...

 

 

Samstag, 19 März 2016 20:00

Unterhändler

Diffuses Schaufenster

Einkaufen ist nicht immer nur schön, besonders wenn einen Gewissensbisse plagen. Irgendwie ist es beruhigend, was Verkäufer-innen einem sagen, wenn man dem Wahn verfällt, sich neben der schon vorhandenen Kamera noch eine weitere zulegen zu wollen. Schließlich ist das ein Investment und vor allem treibt einen die Angst um, bereits in wenigen Monaten könnte das gute Stück veraltet, ein Nachfolger deutlich besser sein.

 

Umso wohltuender, wenn einem im Laden all diese hässlichen Bedenken vom Verkaufspersonal genommen werden, inklusive dem Eigenverdacht, vielleicht etwas sorglos, um nicht zu sagen unnötig, hohe Beträge ausgeben zu wollen:

 

Nein, da käme sicher nichts Neues von dem Hersteller zur nächsten Photokina. Höchstens bei den kleineren Modellen. Es käme letztlich auch nicht nur auf die Auflösung an, die Abstimmung mache auch sehr viel. Ja, das möge so sein, dass die andere Kamera zwei Blenden mehr Belichtungsumfang anbiete, aber wer brauche das schon. Dafür sei die Kamera zu einem wirklich fairen Preis zu haben. Ja, zugegeben, der verbaute Sensor ist schon vier Jahre alt, aber früher habe man noch solider gebaut, das müsse kein Nachteil sein.

 

Nach etwa 15 Minuten am Verkaufstresen kennt er mich so gut, dass er persönlicher wird und mir anvertraut, er stamme eigentlich berufsmäßig aus der Autobranche. Da sei früher auch solider produziert worden. Ja und die Kamera wäre kombiniert mit dieser Optik eben eine gute Ergänzung zu der Kamera die ich schon hätte. Eine Ergänzung quasi. Für andere Aufgabengebiete, wenn man mal so richtig rasante, sportliche Einsätze plane.

 

Plötzlich ging mir ein Licht auf. Unmerklich ersetzte ich in Gedanken, während ich zuhörte, seine Kamerabezeichnungen durch Automodelle, die Sensorangaben durch PS-Angaben und das Kamerahandling durch Cockpitdesign. Und siehe, alle Verkäufersätze funktionierten ohne jede Einschränkung weiter:

 

Das sei ja eine längerfristige Anschaffung. Er selbst habe bei sich Daheim auch beide Modelle, je nach Einsatzzweck. Mal bevorzuge er das eine, mal das andere. Viele Kunden würden dieses Modell bevorzugen und so lange er hier arbeite hätte es noch nie Ausfälle oder Reparaturen gegeben. Außerdem gäbe es ja 12 Monate Garantie. Wenn man es ernst meine und damit professionell arbeite, habe man ohnehin das Geld schnell wieder reingeholt. Allerdings wisse er nicht, wie lange dieses Modell noch vorrätig sei, das Angebot gelte ohnehin nur diese Woche und falls Nachlieferungen kämen, könne der Preis auch ganz schnell in die Höhe schnellen.

 

Probieren Sie es doch selber mal aus, wenn Sie das nächste Mal im Foto,- Eisenwaren,- Espressomaschinen,- Hifi,- Fitnessgeräte,- Uhren,- Waffen oder Fahrradgeschäft landen.

 

Funktioniert garantiert.

 

Donnerstag, 10 März 2016 19:20

Runterveredelt

Diffuser Blick in Burgerbraterei

Früher war alles einfacher. Die schlechten, niveaulosen Filme und Beiträge erkannte man eigentlich schon allein an ihrer visuellen Anmutung. An der großen Schärfentiefe den die EB Mühlen lieferten, an den plastikartigen Farben, die dank PAL-Farbtiefe auf die heimischen Fernseher geknallt wurden, an der allzu simplen Kameraführung. Man brauchte nicht viel Lebenszeit investieren, um zu erkennen: Das war einfach billigster TV-Trash.

 

Inzwischen hat sich daran vieles geändert. Die großen Sensoren in den Kameras sollen inzwischen helfen, selbst banalsten Reisemagazinen, Kuppelshows oder Tatoobegutachtungen die höheren Weihen des Kinos zu verleihen. Und wenn dann auch noch ein netter farbentsättigter Look-Up Table drübergelegt wurde, kann es schon mal einige Zehntelsekunden länger dauern, bis man merkt, wes Geistes Kind die Macher des gerade konsumierten Videos waren. Die über ein ganzes Jahrhundert mühsam erarbeitete visuelle Autorität des Kinos ist längst im Schund-TV angekommen und wird mehr und mehr selbst für primitivste Formate eingesetzt.

 

Und doch gibt es da Dinge, die einem recht schnell vor Augen führen, dass Anspruch so viel mehr bedeutet. Eine erste Ahnung bekommt man, weil die Schärfe eigentlich selten richtig sitzt und auch nie mitgeführt wird, weil die EB Teams nun mal keine Focus-Puller kennen. Und natürlich haben die Kameraleute auch weiterhin ihr Kamera-Headlight eingeschaltet, statt wirklich glaubwürdig auszuleuchten, aber das ist ein anderes Thema. Da nützt es auch nichts, wenn man Teile des Videos farbentsättigt als Schwarzweißbild in Zeitlupe zeigt und diese mit sentimentalen Piano,-oder Orchesterklängen als Emotionstrigger unterlegt, sowie ohne jeden Plan wahllos Schwarzblenden einfügt.

 

Es stimmt allerdings genauso nachdenklich, wenn die auch nicht mehr ganz taufrischen Programmentscheider in den öffentlich-rechtlichen Sendern meinen, sie müssten sich mit Handy-Video/GoPro-Weitwinkel-Look bei der jungen Generation anbiedern. Als Hipster-Gegengewicht zum zunehmenden Kinolook bei den Privaten quasi. Ob die Inhalte dann ähnlich trashig sind, wie die Fullframe-Kinolook-Schmonzetten der Privatsender,- darüber lässt sich streiten.

 

Der Gedanke, dass wir im Privatfernsehen in Bälde schon das übergewichtige, tätowierte und gepiercte deutsche Urlauberpaar sogar in 4 oder 8 K Auflösung bei seiner Suche nach Ungeziefer in ihrem Hotelzimmer in Tessaloniki beobachten und gleichzeitig crossmedial auf unserem Tablet Fotos vom Abendbüffet oder ihren Swinger-Club Freunden betrachten können, macht seltsamerweise auch nicht wirklich glücklicher.

Donnerstag, 25 Februar 2016 09:19

Flirting with Desaster

Diffuser Abendhimmel

Es ist schon spannend, sich vor Augen zu führen, welche Wirkung, ja Beklemmung so manche Dystopie früherer Science-Fiction Filme in den Zuschauern auslöste. Seltsamerweise waren und sind in diesem Genre traumhafte Paradieszustände deutlich unterrepräsentiert während die Schauergeschichten stets überwogen. Das ist insofern nachvollziehbar, weil gute Science-Fiction stets versucht hat, die Menschen vor negativen Entwicklungen und Konsequenzen ihres Tuns zu warnen. Letztlich waren sie immer eine nur mäßig versteckte Aufforderung an die Menschheit, ungute Entwicklungen aufzuhalten.

 

Ob es die drohende Kernschmelze in atomaren Kraftwerken war, der Chemieunfall mit weitreichendsten Folgen, das allwissende Kontrollsystem, die selbstgezüchteten resistenten Viren oder gar das Umkippen ganzer Klimazonen, die Vorstellung, das Unvorstellbare im Kino vorgeführt zu bekommen, war stets verlockend, ja faszinierend.

 

Ganz gleich ob „1984", „Fahrenheit 451", „Terminator", „Blade Runner" oder „I am Legend", die beispielsweise völlig abseitige Vision, dass sich in irgendeiner Zukunft praktisch überall Kameras und Mikrofone befinden, welche die Menschen einmal beobachten, belauschen würden,- war immer wieder gut für einen filmischen Horror.

 

Oder der Gedanke, dass vollautomatisierte selbststeuernde Gerätschaften und Fahrzeuge außer Kontrolle geraten oder mit künstlicher Intelligenz ausgestattete Computer sich dem Willen ihrer Besitzer widersetzen, ja sogar gegen sie kämpfen würden, war jahrzehntelang absolut tauglich, in Kinosälen Gänsehaut zu verbreiten.

 

Oder jene Medaillons, Stirn,- oder Armbänder, welche alle nur erdenklichen Körperfunktionen wie Herzfrequenz, Körpertemperatur einschließlich vasomotorischen Reflexen drahtlos an irgendwelche unheimlichen Mächte übermittelten, - was für eine gruselige Idee, seine Privatsphäre gänzlich an anonyme Konzerne oder Datenbroker zu verlieren.

 

Nach Fukushima, Polareisschmelze, Schweinepest und NSA sind viele der einstigen Scifi-Bedrohungen deutlich näher gerückt. Und auch der einstmals beängstigende Gedanke, in jeder Wohnung könne sich in ferner Zukunft einmal jeweils eine Kamera befinden, ist angesichts von Handys, Tablets, Flatscreens etc. geradezu lächerlich banal geworden. Die im Kino aufgezeigten, bedrohlichen Technologien und Entwicklungen gibt es natürlich nach wie vor, nur feiner und perfekter.

 

Mit einem winzigen Unterschied: Heute fragen die Menschen nicht mehr, wie man um Himmels Willen so etwas verhindern könne, sondern eher wo man so etwas kaufen oder in welchem App-Store man es downloaden kann...

 

Mittwoch, 23 Dezember 2015 21:10

Gehirnverlängerungen

Lichtstreifen

Die meisten, die vollmundig über das Internet der Dinge philosophieren, haben mehrheitlich die Knackigkeitsgrenze längst überschritten und baden sich in immer neuen Vernetzungsphantasien als wäre es ein Jungbrunnen.

 

Was bei der fernsteuerbaren Heizung und der Hausbeleuchtung vielleicht halbwegs nachvollziehbar war, jedenfalls für Leute, die einen sehr unregelmäßigen Tagesablauf haben und ständig nachjustieren müssen, ist bei manch anderen Gerätschaften von sanfter Absurdität.

 

Zu Letzerer Gattung gehören etwa Kühlschränke, die mit zwei Kameras ausgestattet, bei jedem Öffnen der Kühlschranktür ein Bild machen und sie auf eine Handy-App laden. Sinn soll es sein, stets den Überblick zu behalten, was man alles hat und was nicht. Dummerweise versperren Einkäufe, die etwas größer sind, etwa Milchtüten oder Getränke, meistens die Sicht in die Tiefen des kühlschränklichen Universums. Schade eigentlich.

 

Ob man LED-Birnen wirklich per App steuern können muss, ist auch fraglich. Die Kosten für die intelligente Steuerung betragen ein Vielfaches und man fragt sich, was der Unsinn soll, aus der Ferne mitzuteilen, dass die Beleuchtung nicht mehr gebraucht wird. Das erledigen Bewegungsmelder besser und sie sind zuverlässiger als der Mensch, der dauernd an seine Beleuchtung Zuhause denken soll.

 

Ob der intelligente Wasserspender für Katzen, den Eignern wirklich per app mitteilen muss, wie viel das Tierchen denn getrunken hat, oder ob der Blick auf den Wasserstand im Schälchen genügt, diese Frage zu beantworten, gehört zu den Fragen, die man nur mit einer gewissen Technologieabhängigkeit abschließend beantworten kann.

 

Eine intelligente Bratpfanne ist in der Entwicklung, welche die Temperatur des Bratgutes nicht etwa per Display anzeigt, sondern per Funk auf die entsprechende Handy-App überträgt. Muss man dann immer zwischen Handy und Pfanne hin und herlaufen, um die Temperatur zu überwachen oder wird es, wie für Navis auch eine Handyhalterung für die Bratpfanne geben?

 

Auch die Frage, weshalb sich Garagentore oder Haustüren per Internet öffnen können sollen, wo klassische Fernbedienungen dasselbe ohne die Gefahr des Hackens beherrschen, können vielleicht nur die Hersteller beantworten. Und noch weniger können all die Hersteller beantworten, weshalb selbst die wenigen sinnvollen Anwendungen jeweils eigene Softwarelösungen benutzen und keine Standards.

 

Immer mehr seltsame Konstrukte wollen uns Probleme abnehmen, die wir gar nicht haben. Und immer mehr Sensoren erfassen endlich auch noch jene Bereiche unseres Lebens, die wir bisher noch nicht per Handy, Internet oder Smart-TV verraten haben. Das wird ein Fest für all die Big Data Sammler und Händler, wenn sie uns noch gezielter die Produkte vorschlagen können.

 

Doch auch wir ewig gestrigen Kritiker werden noch mal froh sein, wenn die Heizungsapp im Handy der Einkaufsapp mitteilt, dass die Heizung defekt ist und wir besser warme Pullover kaufen sollten. Oder wenn uns die Milchtüten im Kühlregal hinterherrufen, dass im Kühlschrank daheim die fettarme Sorte zur Neige geht.

 

Und dann drohen da am Horizont bereits die Kameras mit Motiverkennung, die selbsttätig mit der Aufnahme beginnen, wenn bestimmte Parameter erfüllt sind. Natürlich arbeiten sie mit automatisierten Drohnen zusammen, die sich selbsttätig aufladen wie Staubsaugroboter. Die lang ersehnte Ablösung dieser überflüssigen Kameraleute kommt spätestens mit der Kamera 4.0

 

Alles wird guuuut.

Samstag, 05 Dezember 2015 19:29

Holt das Stöckchen

Silhuetten vor Schaufenstern

Die Überlegenheit über die Kreatur bescheinigt sich der Mensch gerne durch Haustiere, wobei Hunde hier sicherlich den Spitzenplatz einnehmen. Sind sie erst einmal konditioniert, wissen sie automatisch, dass wenn Frauchen oder Herrchen mit dem Stock wedelt, derselbe kurz darauf durch die Luft fliegt und geschnappt sowie apportiert sein will. Doch praktisch jeder Hundehalter hat seinen Hund auch schon mal leer loslaufen lassen, ohne den Stock zu schmeißen. Stimmts? War lustig oder?

 

Doch allzu überlegen sollte Mensch sich nicht wähnen, schließlich sind auch wir längst gut konditioniert, noch dazu gläsern und damit durchschaubar geworden. Jedenfalls alle, die sich der Segnungen des weltweiten Netzes nicht enthalten.

 

Die Sammelwut der Big Data- Kraken ist schier unendlich und es soll ja angeblich nur zu unserem, Vorteil und Nutzen sein. Doch seltsamerweise lauern an allen Ecken mehrheitlich neue Möglichkeiten, unser Aller Tun und Handeln in Gewinne münden zu lassen. Möglichkeiten, das Gemeinwohl oder unser individuelles Wohlbefinden zu steigern, erschließen sich da seltsamerweise kaum.

 

Die Auswertung der über uns gespeicherten Daten lässt uns bisweilen ähnlich atemlos hecheln, wie der junge Hund, dem man signalisiert man werfe das Stöckchen, worauf dieser losrast obwohl wir gar nicht geworfen haben.

 

Etwa wenn die Fluglinie uns wieder, wenn wir nur Hündchenschnell genug sind, enorm günstige Angebote verspricht, sich aber, oh Wunder, vom Heimatflughafen kein einziges preiswertes Maschinchen erhebt. Nur von sämtlichen anderen Flughäfen des Landes.

 

Wenn die versprochenen günstigen Bahntickets (manchmal wird man sogar zum Mitfeiern aufgefordert...) stets nur zu Zeiten vorhanden sind, zu denen man noch nie in den letzten 20 Jahren Bahn gefahren ist, während die üblichen Verbindungen, die man wählt, dicht am Normalpreis angesiedelt sind. (Das sollen die mal ohne mich feiern).

 

Oder wenn wir beim Onlineversender kurzfristig preiswerte Bekleidungsangebote anklicken können, aber seltsamerweise nie in der eigenen Größe oder wenn doch, dann eben teurer als in der ursprünglich preisgünstigen Ankündigung.

 

Aber wenn man schon mal da ist, und all die Angaben eingetippt, die viele Zeit verschwendet hat, dann kauft man vielleicht doch oder etwas anderes als das, was man eigentlich bräuchte.

 

Die betreffenden Online-Händler und Datenauswerter werden uns sicher niemals sagen, wie hoch die so erzeugte "conversionrate" ist. So kann man nur erahnen, wie viele von uns, bzw. den armen Hündchen trotz der Täuschung losgelaufen sind...

 

Stöckchen 2.0 quasi.

 

Dienstag, 10 November 2015 20:16

Vorausgetrauert

Herbstlaub spiegelt sich im Wasser

Journalismus ist schon eine merkwürdige Angelegenheit. Man wundert sich stets, wie schnell wenn bedeutende Persönlichkeiten versterben, die Fernsehprogramme und Titelseiten der Tageszeitungen und ihrer Online-Auftritte geändert werden. Da werden bis zu mehrstündige Filmbiographien und seitenlange Rückblicke auf die erfüllten Leben der von uns Gegangenen präsentiert, bei denen man sich einfach fragt, wie konnten die das nur so schnell produzieren.

 

Auch wenn man ungern darüber spricht, erfahrene Journalisten wissen das,- praktisch jede tagesaktuelle Publikation produziert Nachrufe auf Vorrat. Breitgefächert, in allen Sparten der öffentlichen Wahrnehmung, Personen aus Kultur, Politik, Wirtschaft und Sport, betrauert auf Verdacht. Eine Art Vorratsdatenspeicherung im anderen Wortsinn.

 

So wie unlängst beim Tode von Altkanzler Helmut Schmidt, wo die SZ beim Online stellen am 10. November 2015 vergaß, das ursprüngliche Datum der Artikelerstellung zu ändern. Ganze drei Minuten lang war der Nachruf auf Juni 2012 datiert, dann wechselte das Datum. Vielleicht hatte man sich seinerzeit schon einmal Sorgen um seine Gesundheit gemacht.

 

Drei Minuten genügen, um die pragmatische Mechanik hinter den Nachrufen mit eindringlicher Klarheit zu verdeutlichen. Ein seltsamer Gedanke, wer von uns virtuell zumindest, gar nicht mehr lebt und auf Vorrat sozusagen, längst in schwermütigen Trauergedanken und Filmausschnitten verabschiedet ist. Wenn man es wüsste, könnte man möglicherweise per einstweiliger Verfügung derartige vorauseilende Trauer untersagen. Doch man weiß es ja nicht, aber vielleicht ist das ja auch ganz gut so.

 

Das Einzige, womit man all dem vielleicht entgegenwirken könnte, wäre schnell noch intensiver zu leben. Und wenn intensiver leben mit viel Bewegung verbunden ist, dann lebt man ohnehin viel länger als die alle denken und dann sind die vorbereiteten schriftlichen und filmischen Nachrufe irgendwann völlig veraltet, wenn es einen vielleicht doch irgendwann erwischt.

 

Schade, dass der Altkanzler nicht noch weitergelebt, Nobel,- und andere Preise geholt und jede Menge Talkshows aufgemischt hat. Dass er nicht weiter jene wichtige moralische Instanz mit Weitblick geblieben ist. Die hätten sich ganz schön geärgert, die ganzen Voraustrauerer, mit all ihren veralteten Sendungen und Rückblicken...

 

Montag, 19 Oktober 2015 05:38

Brot und Spiele

Baugerüst

Geschichten möglichst plastisch und dramatisch zu erzählen, ist eine Kulturleistung, die tausende Jahre alt ist, das Theater, die bildende Kunst, später die Fotografie und dann der Film haben auch die visuelle Ebene hinzugefügt und bis ins 21te Jahrhundert immer mehr verfeinert.

 

Wer heute Filme anschauen möchte, kann unter diversen Distributionswegen wählen, das Kino ist da, wenn man mal von manch harter oder durchgesessener Bestuhlung absieht, die komfortabelste und durch das Erleben mit vielen Anderen auch die interessanteste Variante. Allerdings mit durchschnittlich 10 Euro auch die teuerste Möglichkeit, Filme anzusehen.

 

Aus dem finanziellen Einsatz, den Umständen wie Fahrweg, Zeitaufwand etc. generieren nicht wenige Zuschauer, vor allem der jüngeren Generation, höchste Erwartungen an das Kinoerlebnis. Man möchte etwas Erleben, was man im Alltag so nicht erfährt, möchte das Außergewöhnliche zu Popcorn und Süßgetränk serviert bekommen.

 

Der überwiegende Teil kommerzieller Kinofilme bedient diesen Anspruch mit mehr oder weniger aufsehenerregenden visuellen Momenten, die nahezu pausenlos auf die Zuschauer einprasseln. Da wird pausenlos die Welt gerettet, werden sämtliche physikalischen Grenzen mühelos überschritten, fliegt, schleudert, taumelt oder explodiert alles, was sich visuell ansprechend verwirbeln lässt.

 

Im Zweifel geschieht das auch in 3D oder auch per VR und nicht mehr im Kino, sondern höchst individuell und mehr als plastisch. Allein die Geschichten und Filmfiguren werden immer weniger plastisch, verlieren ihre erzählerische Tiefe, werden immer eindimensionaler. Vielschichtigkeit ist im Blockbuster-Kino nicht allzu gefragt, es lebe die Eindeutigkeit.

 

Damit weicht die klassische Spannung, die sich aus Charakteren, Konstellationen und dramatischen Entwicklungen nährte, mehr und mehr dem visuellen Augenkitzel, dem akustischen "Crescendo" (Immer lauter werden). Wenn nicht jede Minute neue Reize gezündet werden, langweilen sich die, ähnliche Feuerwerke gewohnten, Zuschauer schnell.

 

Zum Glück kann man die Lücken mit dem Smartphone oder angeregten Gesprächen mit den Sitznachbarn überbrücken. In vielen asiatischen Kinos kann man konsequenterweise seine Gedanken auch gleich per App im Kinosaal für alle sichtbar neben dem eigentlichen Film auf die Leinwand beamen. So eine Art Live-Facebook im Kinosaal und nur konsequent, wenn einen die immer wiederkehrenden visuellen Effekte langweilen. Second Screen quasi als Kompensation fehlender Erzählfähigkeiten.

 

Von der einstigen Kulturleistung der Menschheit, haben sich diese Investoren,- und Geldvermehrungs-Produktionen inzwischen meilenweit entfernt. Und es scheint fast so, als wenn sich auch das jüngere Publikum längerfristig mehr und mehr von den Kinoleinwänden entfernen wird. Internet, Streaming-Dienste, Games und Virtual Reality nehmen enorm viel Aufmerksamkeit in Anspruch. Dafür gehen immer mehr Zuschauer über Vierzig in die Kinos, Menschen, die noch wissen, dass es Filme gibt, die sich nicht ausschließlich aus Augenkitzel nähren.

 

Die demographische Entwicklung zeigt schon jetzt an, dass in ein paar Jahrzehnten auch diese Klientel den Kinos fernbleiben wird, doch momentan ist das spürbare Wachstum dieser Zuschauergruppe kein schlechter Grund, wieder verstärkt über bessere Geschichten und gut entwickelte Charaktere im Film nachzudenken.

 

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