Wer schon einmal mit simplen Friktionsköpfen billiger Stative schwenken musste, wird die wunderbare Wirkung und den für die kreative Bildgestaltung bedeutenden Wert professioneller Stative und Hydroköpfe erst richtig zu schätzen wissen. Für den ersten Teil unserer Kurzanleitung, wie man optimal mit diesem wichtigen Werkzeug der Bildgestaltung arbeitet, haben wir jenen Hersteller besucht, dessen Gründer den Hydrokopf erfunden hat: Sachtler in Eching, bei München.

 

Grundsätzlich unterscheidet man zwischen dem Schwenkkopf (auch Fluid- oder Hydrokopf) und dem Stativ und kann sich die beiden Elemente innerhalb der technischen Vorgaben frei zusammenstellen. Die Schwenkköpfe haben auf ihrer Unterseite meistens eine Halbkugel mit einem unten herausragenden Schraubgewinde, die Stative an der Oberseite eine passende Schale in welche die Halbkugel hineinpasst und festgeschraubt werden kann.

 

Bodenplatte

Stativplatte

Links: Kameraplatte einsetzten, rechts: Platte lösen

Die meisten Stativsysteme arbeiten heute mit Kameraplatten (Bodenplatten, Keilplatten), die man unter die Kamera schraubt und die im Schwenkkopf automatisch oder mittels eines Verriegelungshebels einrasten. Damit können Kamera und Stativkopf schnell miteinander verbunden oder getrennt werden. Das ist ungemein wichtig, um schnelle Positionswechsel oder Umbauten an der Kamera vornehmen zu können.

 

Bodenplatten gibt es mit unterschiedlich großen Schrauben für professionelle Kameras (3/8 Zoll) sowie für Semiprofessionelle Kameras (1/4 Zoll). Es gibt auch Kombiplatten mit beiden Schraubengrößen, sowie spezielle DV-Platten mit einem zusätzlichen Pin, um ein Verdrehen der kleinen DV-Kameras zu verhindern.

 

Gewichtsausgleich (Counterbalance)

Kameras sind selten so ausbalanciert, dass die Kamerabohrung zum Befestigen der Bodenplatte genau den Gewichtsmittelpunkt der Kamera darstellt. Außerdem ist die Gewichtsverteilung einer Kamera abhängig vom verwendeten Objektiv. Ein langes Zoom bringt mehr Gewicht auf die Waage als eine weitwinklige Festoptik. Was nützt die beste Dämpfung des Schwenkkopfes, wenn sie ständig gegen das Eigengewicht der Kamera ankämpfen muss? Außerdem muss der Kameramann die Kamera auch jederzeit loslassen können, ohne dass diese zu irgendeiner Seite wegkippt.

 

Bessere Schwenkköpfe verfügen daher über Ausgleichssysteme, um die Kamera auf dem Kopf aus zu balancieren. Dies kann durch Hebel, mit denen Federn zum Gewichtsausgleich verstellt werden geschehen und/oder durch horizontales Verschieben der Klemmeinrichtung (für die Kamerabodenplatte). Nur wenn die Kamera so ausbalanciert ist, dass sie weder zur Objektivseite vornüber oder zur Filmkassette oder Akkubefestigung nach hinten kippt, kann die Dämpfung des Schwenkkopfes optimal arbeiten.

 

Dämpfung (Damping)

Justieren

Kameraschwerpunkt finden, Counterbalance einstellen, horizontale Dämpfung, vertikale Dämpfung

Was einen professionellen Schwenkkopf auszeichnet, ist die Fähigkeit weich, gleichmäßig und ruckfrei zu schwenken. Die Dämpfung selber ist je nach Schwenkkopf sowohl horizontal als auch vertikal in unterschiedlich vielen Stufen verstellbar. 3, 4, 5 oder 7 Dämpfungsstufen sind sehr verbreitet. Der Grad der Dämpfung hat nichts damit zu tun, ob eine Kamera leicht oder schwer ist. Für Gewichtsunterschiede sind die Ausgleichsfedern (s. o.) zuständig.

 

Wichtige Hersteller für Hydroköpfe sind Sachtler, Bogen, Davis & Sanford, Vinten, Miller, Heiler, Cartoni, Ronford und Oconnor, wobei die Köpfe des Hydrokopf-Erfinders Sachtler weltweit den besten Ruf genießen.

 

Eine Faustregel sagt, dass in den meisten Fällen die Dämpfung in horizontaler und vertikaler Ebene den gleichen Wert haben sollte. Doch natürlich können besondere Aufgaben auch ein Abweichen von diesem Standard nötig machen. Soll etwa horizontal recht langsam und dann plötzlich schnell vertikal geschwenkt werden, muss die vertikale Dämpfung natürlich geringer ausfallen, als die horizontale. Bremsen (Hebel) erlauben es, zu Beginn oder am Ende eines Schwenks, ohne durch Vibration das Bild zu erschüttern, die Position zu fixieren.

 

Generell ist die einzustellende Dämpfung von der geplanten Schwenkgeschwindigkeit und der verwendeten Brennweite abhängig. Dreht man mit langer Brennweite (Teleobjektiv, Zoom), so ist beim Schwenken eine hohe Dämpfung (z. B. Stufe 5 bis 7) angesagt. Schwenkt man im normalen oder weitwinkligen Brennweitenbereich, ist eine mittlere Dämpfung sinnvoll (z. B. Stufe 3 bis 4). Für schnelle, impulsive oder gar Reißschwenks ist die leichteste Dämpfung (z. B. Stufe 1 oder 2) richtig. Aber das findet man am besten selbst beim Probeschwenken heraus.

 

Schwenkarm

Für optimales Schwenken sollte man Stativ und Schwenkkopf auf eine günstige Arbeitsposition einstellen. Dazu gehört nicht nur die Höhe des Stativs, sondern auch der Schwenkarm. Wenn man durch den Sucher der Kamera schaut, spürt man intuitiv, wo man den Schwenkarm gerne haben möchte, um möglichst entspannt schwenken zu können. Dort, wo der Schwenkarm am Schwenkkopf befestigt ist, befindet sich meist ein Klemmhebel oder eine Schraube, die es, wenn man sie löst, erlaubt, den Schwenkarm dank mehrere Zahnkränze in unterschiedlichen Positionen zu fixieren. Für Linkshänder kann man die Einstelleinrichtung auch auf der anderen Seite des Schwenkkopfes anbringen. Für Arbeiten mit Videokameras kann man eine Fernbedienung (Hinter-Kamerabedienung) für Schärfe, Zoom und Auslöser am Schwenkarm befestigen.

 

Kopf ins Wasser stellen

Ins Wasser stellen

Hydrokopf mit 100er Schale, von Unterseite mit Zentralschraube befestigen, Wasserwaage (leuchtend für Nachtaufnahmen)

Hat man die Höhe der Stativbeine festgelegt, muss der Schwenkkopf selbst ins Wasser gestellt werden. Darunter versteht man die waagerechte Ausrichtung des Stativkopfes. Zunächst arretiert man die Bremsen des Schwenkkopfes und hält mit einer Hand die Kamera. Dann löst man dort, wo der Schwenkkopf mit der Klemmschale in der Aufnahmeschale des Stativs befestigt ist, die untere große Feststellschraube ein wenig. Auf der Oberseite des Schwenkkopfes befindet sich eine kleine Wasserwaage mit einer mittigen, kreisförmigen Markierung. Nun bewegt man den Schwenkkopf mit der Kamera so, dass die Luftblase möglichst genau in der Markierung landet. Dann schraubt man die untere Befestigungsschraube fest. Jetzt ist der Kopf nivelliert, horizontale Schwenks werden nun auch tatsächlich genau waagerecht.

 

Schwenkköpfe unterscheiden sich nicht nur durch die Dämpfungsstufen, sondern auch durch den Anschluss an das Stativ (man unterscheidet 75er, 100er und 150er Schalen) sowie durch das Kameragewicht, welches sie kontrollieren können. Stative und Köpfe mit 75er Schale eignen sich eher für den DV-Bereich, 100er Schalen für professionelle Videokameras und 16mm-Kameras im Dokumentarbereich, 150er Schalen für 16mm und HDTV-Spielfilm und natürlich 35 mm.

 

Stativ

Babystativ eines weiteren deutschen Herstellers, Schulz

Babystativ eines weiteren deutschen Herstellers: Schulz

Stative für Filmkameras haben drei ausziehbare Beine mit Spitzen für weiche Böden, sowie eine Aufnahmeschale für den Schwenkkopf. Manche Stative verfügen zusätzlich über eine Mittelsäule, welche zusätzliche Stabilität, oder als Kurbelsäule weiteren Einstellkomfort mit sich bringt.

Stative gibt es in unterschiedlichen Längen, will man eher untersichtig drehen, wählt man ein Baybstativ. Wichtig ist natürlich ein sicherer, fester Stand des Stativs, deshalb spielt die Verwindungsfestigkeit der Rohre oder Profile, aus denen die Stativbeine aufgebaut sind, eine große Rolle. In diesem Zusammenhang spielt auch eine Rolle, wie weit die Stativbeine voneinander entfernt sind. Eine schmale Basis bietet weniger, eine breitere mehr Stabilität. Eine zu breite Basis verringert wegen der Gefahr des Wegrutschens der Beine wieder die Stabilität. Ein Einstellung der Stativbeine im Winkel zwischen 35 und 45 Grad bezogen auf eine (vorhandene oder gedachte) Mittelsäule ist ideal. Alle Beine sollen natürlich möglichst den gleichen Winkel haben. Besondere Gegebenheiten des Drehortes (z. B. Filmen an Abhang etc.) können durch unterschiedlich langes Ausziehen einzelner Stativbeine ausgeglichen werden.

 

Wie so oft bei Dreharbeiten, spielt auch das Gewicht des Equipments eine große Rolle. Stative werden aus unterschiedlichen Materialien hergestellt, darunter Eisen, Aluminium oder Kohlefaser. Preislich sind die leichten Kohlefaser-Stative auch in der Regel am teuersten.

 

Stativspinne

Gummispinne

Gummispinne und Rollenspinne einsetzten, je nach Abstand der Stativfüße verstellen.

Während die Stativfüße auf weichen Böden wie Gras oder Erde durch die Spitzen fixiert werden, würden die Stativbeine auf festen Böden wegrutschen. Um dies zu verhindern, ist eine Stativspinne erforderlich. Dies ist eine aus drei verstellbaren Holz-, Metall- oder Kunststoffleisten aufgebautes, zusammenklappbares Y, an dessen Enden man die Spitzen der Stativfüße einrasten und mittels Klemmvorrichtung befestigen kann. Alternativ gibt es auch Innenspinnen, die nicht unten am Boden, sondern innerhalb des Stativs die Beine daran hindern, wegzurutschen. An den Spitzen der Stativbeine werden dann Gummifüße befestigt. In beiden Fällen lässt sich der Abstand, in dem die Stativbeine auseinander stehen, verändern und mechanisch fixieren.

 

Eine Sonderform der Stativspinne ist die Fahrspinne auf Laufrollen, eine Art kleiner Dolly. Fahrtaufnahmen sind aber nur sehr begrenzt und nur auf sehr glatten Böden möglich.

 

Transport

Gummispinne

Stativköcher, Stativ mit Spinne. Zum Verpacken Spinne und Stativbeine zusammenschieben!

Schwenkköpfe und Stative sind Präzisionsgeräte. Man sollte sie sorgsam behandeln und zum Transport in einen Kunststoffköcher oder eine gepolsterte Textiltasche verpacken. Zum Transport sollten die Dämpfungen auf 0 gestellt werden und die Bremsen gelöst sein. Der Schwenkhebel kann nach Lösen der Einstellschraube nach unten, parallel zu den Stativbeinen gedreht werden. Bodenspinne oder Innenspinne können zum Transport am Stativ verbleiben.

 

Ja, und dann steht dem ruckelfreien, sanften Schwenken in allen Ebenen nichts mehr im Wege.